Die FAST-Alleskönner

Machen wir uns nichts vor: Wer heute noch behauptet, Ganzjahresreifen seien bestenfalls ein fauler Kompromiss für brave City-Kisten, hat die Entwicklung schlicht verschlafen. In keine anderer Reifenkategorie steckt die Reifenindustrie derzeit so viel Hirnschmalz. Aber wie schlägt sich die Allwetter-Elite, wenn man sie komplett artfremd hält? Zum Beispiel auf einem VW Golf GTI Clubsport, der mit 300 PS das Klischee vom oft zitierten Ganzjahres-Polo mal eben atomisiert. Neun aktuelle Kandidaten der Dimension 225/40 R 18 haben wir durch die Testhölle gejagt – nass, trocken und auf Schnee. Am Ende wissen wir, wer dem GTI-Druck am besten standhält.

Inhaltsverzeichnis

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 1

Unter Reifentestprofis ist der All-Season aktuell en vogue. Kein Fachmagazin, kein Automobilclub, kein Gummi-Influencer kann sich den Shooting Stars der Szene verschließen. Das Prinzip: Losfahren und gut ist, egal ob der Asphalt in der Augusthitze glüht oder im Januar Matsch und Schnee unter die Räder kommen.

Und doch: Es gibt da diese magische Grenze, dieses ungeschriebene Gesetz, dass man’s bei der Motorisierung mit den 365-Tage-Wunderdingern ja nicht übertreiben soll: Moderat solle die Leistung des Autos sein, brav dessen Auftritt. Vor dem geistigen Auge schiebt sich sofort der berühmte VW Polo ins Bild – das typische Ganzjahresreifen-Auto schlechthin. Aber sportliche Autos? Und Spaß am Lenkrad? Passt das zusammen?
Nun, dass das keineswegs abwegig ist, belegt allein die Namensgebung des neuen Michelin Cross Climate 3 „Sport“ – ein All-Season also, der sich klar zu forcierter Fahrweise bekennt. In unserem Test bildet er damit – noch – eine Ausnahme, und wir lassen ihn außer der Reihe mitlaufen. Wir ahnen: Was Michelin da losgetreten hat, wird die Konkurrenz nicht lange ruhen lassen.

Ganzjahresreifentest 2026 – Testreifen

Ganzjahresreifentest 2026 – Profiltiefe und Shore-Härte

Winterteil

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 2

Ivalo ist der größte Ort in Nordlappland, also in Finnland, etwa 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Hier liegt auch der nördlichste Flughafen Europas. Als unsere Crew den Finnair-Jet hier im Spätdezember über die Gangway verlässt, weht ihr ein frostiger, aber keineswegs eisiger Wind entgegen: Gut so, uns erwarten in der Testwoche auf dem Goodyear-Testgelände – unserem diesjährigen Gastgeber – moderate minus 7 bis minus 12°C. Genau das richtige Temperaturfenster für All-Season-Reifen, die bei minus 25°C und tiefer (was in Lappland keine Seltenheit ist) schlicht verspröden („verglasen“) würden. Die in der Gummimischung enthaltenen Weichmacher würden ihre Elastizität verlieren. Folge: massiver Gripverlust. So aber passt alles.

Ganzjahresreifentest 2026 – Testfahrzeug

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 3

Wo die Sonne den Hintern nicht hochbekommt

Ein fahles Licht liegt über dem Testareal, tief in der lappländischen Schneewüste. Richtig hell wird es um diese Jahreszeit ohnehin nicht – gegen elf Uhr schleppt sich die Sonne mühsam über den Horizont, um 14 Uhr fällt sie kraftlos wieder runter. Unserem vorgewärmten und vollgetankten Golf GTI ist das egal, sein erster Auftrag lautet: Schneehandling.

Der Parcours führt durch ein kurvenreiches Waldstück und über einige schnelle, freiere Passagen, die teils harte Bremsmanöver erfordern. Hier punkten jene Gummis, die nicht zu stark über die Vorderräder schieben, das Heck nach Lastwechseln im Zaum halten und nicht übermäßig viel Lenkarbeit erfordern. Gut gefallen haben uns hier der brandneue Goodyear Vector All Season 4, der noch frische “normale” Michelin Cross Climate 3 und der Pirelli Cinturato All Season SF3, aber auch der Special Guest dieses Tests, der Michelin Cross Climate 3 Sport – allesamt erfreuen mit flüssiger Fahrweise ohne unliebsame Eigenarten. Eine Gemeinsamkeit dieses Quartetts ist das sanfte, kurzzeitige Nachschwingen des Hecks am Kurvenausgang und beim Gaswegnehmen – das mildert bei schneller Schnee-Fahrt das stets präsente, teils dominante Untersteuern. Und weil dieser Effekt wie von Geisterhand selbst stoppt, hat er eine stabilisierende Wirkung. Und warum erzielte keiner der Schneetänzer ein „Sehr gut“? Um diese besondere Auszeichnung zu erlangen, bedarf es in der Summe nicht nur einzeln herausstechender Top-Performance. Zur Versöhnung sei gesagt: Der Goodyear und der Michelin Cross Climate 3 haben eine Top-Platzierung hier nur knapp verpasst. Aber auch der Pirelli und der “Sport”-Michelin dürften ihre Besitzer kaum enttäuschen – zumindest was das Schneehandling angeht.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 4

Mehr oder weniger Schnee-Talent

Das mit „Befriedigend“ benotete Mittelfeld wird mit leichtem Vorsprung angeführt vom ebenfalls brandneuen Nokian Tyres Seasonproof 2. Der Finne reicht nicht ganz an das für All-Season-Reifen gelungene Statement der zuvor genannten Top Vier heran, doch gefällt er durch ein gleichmäßiges, vorhersehbares Fahrverhalten. Erst am Kurvenlimit muss er sich dem Quartett geschlagen geben. Bleiben zwei weitere Mittelfeld-Teilnehmer – Conti und Hankook. Ob der überragenden Siegesserie aus seinem Stammhaus hat uns vor allem der Conti All Season Contact 2 hier enttäuscht: Leichte, doch stets präsente Traktionsprobleme, aber auch ein zu stark eindrehendes Heck kosten ihn Punkte. Nicht gänzlich überzeugen konnte uns auch der Hankook Kinergy 4S2: Er schiebt für unseren Geschmack zu stark über die Vorderräder und bremst sich selbst ein wenig aus. Das gilt auch für den zur Note „Ausreichend“ abgedrifteten Bridgestone Turanza All Season 6 , dessen Grip-Niveau nicht mehr den Stand der Technik widerspiegelt. Das uncharmante Schlusslicht dieser Disziplin markiert der Kumho Solus 4S – damit bereift wirkt das GTI-Heck stets zu leicht, die Fahrdynamik ist etwas unausgewogen und auch das Grip-Level lässt Luft nach oben.

Zur besseren Einordnung: Alle Neune sind unter nicht zu anspruchsvollen winterlichen Bedingungen eine gute Wahl. Manche lassen durchaus ihr Schneetalent durchblitzen – und andere eben weniger.

Ganzjahresreifentest 2026 – Schneehandling

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 5

Wer beißt besser zu?

Verlassen wir den Handlingkurs und begeben uns zum schnurgeraden und topfebenen Areal fürs Schnee-Bremsen und die Traktionsmessung. Heißt auf deutsch: Wer lässt einen am schneebedeckten Hang nicht hängen, wer kommt vor dem virtuellen Elch am ehesten zum Stehen? Schauen wir mal ins Detail.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 6

Dass moderne Ganzjahresreifen im mitteleuropäischen Winter reinen Winterspezialisten fast schon das Wasser reichen können, ist kein Wunder: Historisch stammen sie direkt vom Winterreifen ab. Über ihre feinen Lamellen verbeißen sie sich mühelos in lockerer oder festgefahrener Schneedecke. Schnee-Schnee-Reibung heißt die Zaubertechnik, wenn der im Profil vorverdichtete Schnee sich Haftungs-fördernd mit dem Untergrund-Schnee verbindet.

Beim Bremsmanöver aus Tempo 50 bis zum Stillstand übernimmt der im Schnee traditionell starke Michelin Cross Climate 3 mit kurzen 26,3 Metern sofort das Kommando. Gefolgt von einem starken Paket mit der Note „Gut“: Bridgestone (26,8 m), Goodyear (27,0 m), Hankook (27,3 m), Pirelli (27,4 m), Kumho (27,6 m) und Continental (28,1 m). Etwas überraschend verliert der skandinavische Vertreter Nokian Tyres (28,5 m) hier etwas an Boden und kassiert knapp ein “Befriedigend”. Der sportlichen Michelin-Ableger ist mit 28,3 Metern so gerade noch mit “Gut” bewertet.

Ganzjahresreifentest 2026 – Schneebremsen

Wer wühlt sich am besten raus?

Mindestens ebenso wichtig wie die Verzögerung ist der Grip beim Anfahren am verschneiten Hang oder beim Herauswühlen aus der Schneewehe. Hier werden die Karten im skandinavischen Weiß noch einmal völlig neu gemischt: Der brandneue Goodyear setzt sich mit 2304 Newton an die Spitze der Fraktion, dicht gefolgt von Pirelli (2279 N) und dem Michelin (2277 N) – ein lupenreines Trio für die Note „Sehr gut“.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 7

Die schafft mit 2191 N auch noch der Bridgestone, der Abstand zum Führungstrio ist jedoch schon deutlicher. Hankook (2161 N), Continental (2150 N), Kumho (2095 N) und der Nokian Tyres (2019 N) erhalten alle ein “Gut”. Dafür zieht der außer Konkurrenz gestartete Michelin Cross Climate 3 Sport wie ein Rentierbulle: Mit brutalen 2323 Newton Traktionskraft holt er sich den absoluten Bestwert dieses Tests.

Ganzjahresreifentest 2026 – Schneetraktion

Ganzjahresreifentest 2026 – Testfelge

Sommerteil

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 8

Vom Underdog zum Favoriten? Wir wissen aus früheren eigenen Tests, dass moderne Ganzjahresreifen viel mehr zu leisten imstande sind als in dem Bild, das sich im kollektiven Gedächtnis der Autofahrer verfestigt hat. Aber gleich über die Stränge schlagen und die All-Seasons der GTI-Rosskur unterziehen? Na klar, bloß keine falsche Bescheidenheit!

Vom Polarkreis ans Mittelmeer

Die nordische Daunenjacke haben wir abgelegt und gegen ein sommerliches Polohemd getauscht. Hier im südfranzösischen Mireval, dem Testzentrum von Goodyear, müssen die glorreichen Neun beweisen, ob die Vorschusslorbeeren berechtigt sind.

Beginnen wir auch hier mit dem Handling – dem Trockenhandling, genauer gesagt. Und das hat es in sich: Der 3,2 km lange Goodyear-Kurs war ursprünglich als Rennstrecke konzipiert, die dem Circuit Paul Ricard Konkurrenz machen und potenziell den Großen Preis von Frankreich in der Formel 1 hätte austragen können. Gefährliches Pflaster also für All-Seasons.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 9

Trocken-Übung

Davon wissen unsere neun Testkandidaten aber nichts und nehmen den Asphalt unbeeindruckt unter die 18-Zoll-Räder. Und als ob sie was zu beweisen hätten, legen zumindest der Goodyear und der Pirelli hier eine Show hin, die selbst Dynamikverwöhnten ein Grinsen ins Gesicht zaubert. Präzises Einlenken, gleichmäßiger Seitenkraftaufbau, sehr moderate Lastwechselreaktionen, bremsstabile Hinterachse, erstaunliche Gutmütigkeit im Grenzbereich – die Note „Sehr gut“ schreibt sich fast von allein ins Bewertungsformular. Zugegebenermaßen etwas ungläubig steigen wir nach einigen pfeilschnellen 300-PS-Runden aus und checken, ob man uns nicht heimlich doch die Sommer-Pendants untergejubelt hat.

Doch nein, das winterreifenähnliche Profil und die korrekten Namen bestätigen: In puncto Dynamik haben die besten der Vier-Jahreszeiten-Allstars eine neue Tür, nein, ein Portal aufgestoßen. Unser Respekt, er gilt den Entwicklern, die hier Sommerreifen-Niveau im Winter-Anzug hingezaubert haben.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 10

Klar ist aber auch: Wer an dieser Fahrweise Spaß findet (und davon gehen wir im GTI-Lager mal aus), raubt der Profiltiefe schnell jene wertvollen Millimeter, die im nächsten Winter so dringend gebraucht werden. Hier offenbart sich einer der unbestreitbaren Nachteile des Alternativ-Systems “Ganzjahresreifen”.

Doch zurück zu unseren restlichen sieben Asphalt-Gladiatoren. Ganz knapp hinter dem Spitzen-Duo rangiert der sehr fahraktive Hankook, knapp gefolgt vom Bridgestone und dem mitlaufenden “Sport”-Michelin. Alle drei heimsen zu Recht ein „Gut“ ein. Das schafft der Conti gerade auch noch, leichte Einbrüche in der Kurvenstabilität werfen ihn aber etwas zurück. Das Lager Nummer drei mit der Bewertung „Befriedigend“ bilden Kumho, Michelin (der CC3, nicht der Sport) und Nokian Tyres. Letztgenannte sind nun keineswegs Dynamik-Verweigerer – im Gegenteil! Doch im direkten Vergleich mit den Klassensiegern lassen sie doch deutlich Performance auf dem Asphalt liegen.

Ganzjahresreifentest 2026 – Trockenhandling

Nasstänzer

Wir halten uns nicht lange auf und wechseln zum nicht minder anspruchsvollen Nasshandling-Parcours. Als hätten sich die beiden abgesprochen, sind es wiederum der Goodyear und der Pirelli, die hier ganz Erstaunliches auf der nassen Piste zelebrieren. Runde um Runde begeistert uns das Duo Pneumatico mit absolut GTI-tauglicher Performance. Da ist nichts Kritisches, nichts Eckiges, nichts Unharmonisches. Auto und Reifen sind im Flow. Das bereitet einerseits viel Fahrfreude, lässt sich andererseits in hohe aktive Sicherheit auf gewöhnlichen regennassen Straßen hochrechnen.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 11

Bei den übrigen sieben Nasstänzern sind die Karten diesmal etwas anders gemischt als zuvor beim Trocken-Poker: Eine dem Führungsteam relativ dicht nachfolgende Mannschaft trägt die Namen Kumho, Nokian Tyres, Hankook, Michelin und Bridgestone. Sie alle erkämpfen sich ein respektables „Gut“: Leichte Abstriche bei der Nässehaftung und ein bei Lastwechseln nicht ganz so souverän stabiles Heck lässt sie nicht in den Nässe-Olymp dieses Wettkampfs aufsteigen. Der Bridgestone zeigte zudem eine leichte Grip-Schwäche und erwartet im Grenzbereich etwas mehr Aufmerksamkeit als es die Besserplatzierten tun. Bleibt der Blick auf den Conti. Den wirft erneut sein nicht klar definiertes Eigenlenkverhalten zurück, auch weil sein Grip-Niveau nicht mehr auf neuestem Stand ist. Deshalb kassiert er nur ein “Befriedigend”. Der “Sport”-Michelin, er sortiert sich hier im guten Mittelfeld ein.

Ganzjahresreifentest 2026 – Nasshandling

Der Angstgegner wartet schon

Nun wird’s spannend, denn nach der sportlichen Kür beim Handling folgt das unbarmherzige Pflichtprogramm: der Bremstest. Hier gibt‘s kein Pardon, denn es geht um Sicherheitsreserven. Je kürzer der Bremsweg auf trockener und nasser Fahrbahn, desto besser die Aussichten, im Notfall einen Crash vermeiden zu können oder zumindest glimpflicher ausgehen zu lassen. Deshalb sind die Bremsprüfungen mit einer Gewichtung von 15 (trocken) und 20 Prozent (nass) auch neben dem Handling die punkteträchtigsten Kapitel im „Sommer-Teil“ unseres Ganzjahresreifentests – keine Kompromisse, lautet die Devise. Wer hier versagt, hat fast schon verloren.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 12

Los geht es mit dem Trockenbremsen aus Tempo 100 bis zum Stillstand. Die Kombination aus Golf GTI Clubsport und dem 18-Zoll-Format 225/40 R 18 passt erfahrungsgemäß exzellent zusammen. Dennoch zeigt sich die alte Allwetter-Schwäche: Als einziger offizieller Testteilnehmer sichert sich der Pirelli Cinturato All Season SF3 mit 36,8 Metern ein verdientes „Sehr gut“. Doch zur Einordnung: Sehr gute Sommerreifen nageln den GTI auf trockenem Asphalt nach 33 Metern fest – die Allseason-Elite rollt im Schnitt also immer noch eine Fahrzeuglänge weiter. Dennoch: Molto bene, Pirelli!

Mit 37,7 Metern folgt der Bridgestone vor dem Goodyear (38,7 m), was jeweils für ein „Gut“ reicht. Das dicht gestaffelte Mittelfeld innerhalb nur eines Meters sichert sich die Note „Befriedigend“: Hankook (39,2 m), Michelin Cross Climate 3 (39,3 m), Nokian Tyres (39,7 m) und Continental (40,0 m). Der überarbeitete Kumho bildet mit gerade noch ausreichenden 41,5 Metern das Schlusslicht. Und unser sportlicher Ehrengast? Der Michelin CC3 Sport erzielt mit 38,1 Metern ein „Gut“.

Ganzjahresreifentest 2026 – Trockenbremsen

Und wie läuft’s auf Nässe?

Wechseln wir auf die künstlich bewässerte Langbahn. Beim Nass-Bremsen wird der Anker plangemäß aus Tempo 80 geworfen (Warum das so ist: siehe Extrakasten). Das Ergebnis fällt deutlich homogener aus: Als Spitzenreiter erbremsen sich der Nokian Tyres Seasonproof 2 (30,3 m), der Hankook (30,7 m) und der Goodyear (30,9 m) ein „Sehr gut“ im offiziellen Feld. Mit maximal rund einem Meter zusätzlichem Bremsweg folgen dicht gestaffelt mit der Note „Gut“ Hankook, Goodyear, Pirelli, Bridgestone, Continental, Kumho und der Michelin (31,8 m). Für diese Reifen-Kategorie ein absolut erfreuliches Sicherheitsniveau. Für Aufsehen sorgt indes der Michelin CC3 Sport außer Wertung: Er steht nach 30,5 Metern, ebenfalls “Sehr Gut”.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 13

Im Überblick bedeutet das aber auch: In unserem Testfeld benötigen die meisten Premium- und Marken-All-Seasons auf Trockenheit und Nässe im Schnitt rund fünf bis sechs Meter mehr Bremsweg als reine Sommerreifen. Das ist ernüchternd, erschreckend – aber auch nachvollziehbar. Wer die Bequemlichkeit ohne Räderwechsel maximal kurzen Bremswegen vorzieht, muss sich darauf einstellen, indem einfach mehr Abstand gehalten sowie defensiver gefahren wird. Wer das konsequent beherzigt, kommt im Alltag auch mit All-Seasons gut über die Runden.

Ganzjahresreifentest 2026 – Nassbremsen

Ab ins Schwimmbecken

Bleiben wir noch ein wenig im feuchten Element und schicken den Neuner-Club ins mit 7 mm gefüllte Längs-Aquaplaningbecken. Damit simulieren die Reifenhersteller wassergefüllte Spurrinnen, Senken oder überflutete Autobahnausfahrten. Wenn die vier gerade einmal handbreiten Aufstandsflächen der Reifen plötzlich aufschwimmen, wird man auch im GTI blitzschnell vom aktiven Piloten zum passiven Passagier. Längsaquaplaning ist eine tückische Sache, die sich nur durch Temporeduzierung oder eben ein hocheffizientes Reifenprofil im Vorfeld entschärfen lässt.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 14

Den Wasserabtransport beherrschen die Probanden durch die Bank ordentlich. Unangefochtener König im Becken ist erneut der Pirelli, der erst bei einer Aufschwimm-Geschwindigkeit von 90,7 km/h den Kontakt verliert. Auch der Nokian Tyres sichert sich mit 86,9 km/h ein „Sehr gut“. Das breite Mittelfeld ergattert ein solides „Gut“: Michelin, Bridgestone, Hankook und Goodyear streuen minimal zwischen 86,5 und 84,3 km/h. Continental (81,3 km/h) und Kumho (80,0 km/h) belegen die hinteren Plätze. Der Michelin Cross Climate 3 Sport schwimmt mit 85,9 km/h unaufgeregt im Mittelfeld.

Ganzjahresreifentest 2026 – Aquaplaning längs

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 15

Queraquaplaning in Kurven ist zwar seltener, dafür umso tückischer, weil der Abflug unweigerlich von der Straße führt. Um die Ergebnisse plastisch darzustellen, bewerten wir hier die maximal mögliche Querbeschleunigung vor dem totalen Grip-Abriss, physikalisch ausgedrückt in Meter pro Sekunde zum Quadrat. Und wieder distanziert der Pirelli die Konkurrenz mit 2,88 m/s2 recht deutlich und streicht erneut ein „Sehr gut“ ein. Mit Respektabstand folgt ein dichtes Teilnehmerfeld aus Bridgestone (2,69 m/s2), Hankook, Goodyear, Continental, Nokian Tyres und dem “normalen” Michelin (2,42 m/s2). Der Kumho trägt mit 2,15 m/s2 und der Note „Befriedigend“ die rote Laterne. Der Michelin CC3 Sport sortiert sich mit 2,49 m/s2 auch hier im Mittelfeld ein.

Ganzjahresreifentest 2026 – Aquaplaning quer

Von Singen, Rauschen, Surren und Jaulen

Kommen wir zum Schluss zu den nicht minder wichtigen soft Skills der Testreifen – zu Innengeräusch und Abrollkomfort. Die akustische Bewertung im Innenraum ist ein Balanceakt, denn neben der objektiven Messung in Dezibel entscheidet vor allem das subjektive Empfinden. Manche empfinden hohe Frequenzen – auch wenn sie recht leise sind – als unangenehm, andere reagieren allergisch auf tiefe Brummtöne. Zwischentöne inklusive.

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 16

Überraschung im Testfeld: Als einziger Kandidat sichert sich der Continental ein „Sehr gut“ – die Hannoveraner hatten in diesem Metier in jüngster Vergangenheit selten die Nase ganz vorn. Dichtauf folgen Pirelli, Michelin und Goodyear mit guten Bewertungen. Ebenfalls ein „Gut“ verdienen sich Kumho und Nokian Tyres. Der Bridgestone gibt sich auf gröberem Asphalt etwas poltrig, der Hankook tönt vergleichsweise rau – für beide reicht es nur zu einem „Befriedigend“. Das gilt auch für den Michelin CC3 Sport, der durch permanentes Grundrauschen und raues Abrollen nicht gänzlich überzeugen kann.

Ganzjahresreifentest 2026 – Innengeräusch

Komfort ist das, was wir jeden Tag spüren

Beim Komfort mischt sich das Tableau neu. Hier setzen sich der Michelin Cross Climate 3 und der Continental an die Spitze. Beide verdienen sich ihr „Sehr gut“ durch ein vorzügliches Eigendämpfverhalten, das selbst harte Kanten und unebene Pisten butterweich glattbügelt. Sehr ordentlich, wenn auch nicht ganz auf diesem Niveau, federn Goodyear, Pirelli und Nokian Tyres. Kumho, Hankook und Bridgestone reichen Stöße etwas ungefilterter weiter und müssen sich mit einem „Befriedigend“ begnügen. Ähnlich straffe, sportlich-„rappeligere“ Symptome prägen auch den Komforteindruck des Michelin CC3 Sport.

Ganzjahresreifentest 2026 – Abrollkomfort

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 17

Leichter rollen = weniger verbrauchen

Der Rollwiderstand hat sich in den letzten 15 Jahren von einer technischen Randnotiz zu einem der wichtigsten Entwicklungsziele gemausert – schließlich ist er für rund zwanzig Prozent des Kraftstoffverbrauchs verantwortlich. Ein niedriger Wert spart bares Geld an der Zapfsäule (oder bringt elektrische Reichweite). Da ist es nur logisch, dass die Automobilhersteller mit aller Macht für ihre Erstausrüstungsreifen einen möglichst geringen Rollwiderstand fordern. Das Problem: Der Rollwiderstand ist der natürliche Erzfeind des Grip-Niveaus. Wer leicht rollen will, opfert meist Verzögerung und Seitenführungskraft. Diesen klassischen Zielkonflikt bekommen die Reifenbäcker zwar immer besser in den Griff, gänzlich aufgelöst ist er aber noch längst nicht.

Der Goodyear führt das Feld in dieser Disziplin mit respektablen 7,75 kg/t an („Sehr gut“). Eine gute Performance zeigen Michelin, Continental, Pirelli und Nokian Tyres mit Werten zwischen 8,0 und 8,37 kg/t. Kumho (8,51 kg/t) und Hankook (8,94 kg/t) haben bei befriedigenden Werten noch Luft nach oben und der Bridgestone (9,05 kg/t) ist leider nicht mehr ganz zeitgemäß und fängt sich ein „Ausreichend“ ein. Für eine Überraschung sorgt der Michelin CC3 Sport: Er schlägt mit ausgezeichneten 7,71 kg/t die versammelte Mannschaft – inklusive des Goodyear und seines eigenen, zivileren Bruders Cross Climate 3.

Ganzjahresreifentest 2026 – Rollwiderstand

Ganzjahresreifentest 2026 – Bild 18

Ganzjahresreifentest 2026 – Schlusstabelle

Kurz und knapp

Der bekannt gute Pirelli Cinturato All Season SF3 (nach Punkten ganz knapp der Gewinner dieses Tests) und der brandneue Goodyear Vector All Season 4 haben die Grenzen verschoben und das System Ganzjahresreifen auf ein neues Level gehievt. Während der Goodyear bei den Wintertugenden die Nase leicht vorne hat, ist der Pirelli bei den Trocken- und Nass-Disziplinen führend. Beide sind dennoch in der Summe ihrer Eigenschaften absolut top und erhalten das begehrte “Reifentester”-Siegel.

Der Michelin Cross Climate 3 ist nach Punkten der Drittbeste dieses Vergleichs, verdient sich aber hauptsächlich wegen seiner herausragenden Winter-Eigenschaften das Testsiegel und ist prädestiniert für schneereichere Regionen. Dafür zahlt er aber andererseits einen gewissen Preis und landet in den Sommer-Disziplinen nur im Mittelfeld.

Ganz anders positioniert sich der außer Wertung mitlaufende Sport-Michelin, der uns insgesamt positiv überrascht hat. Mit seinem Bekenntnis zu einer fahrdynamischen Ausrichtung seiner Gattung darf er als wegweisend bezeichnet werden.

Bridgestone-typisch eher unauffällig, dafür zuverlässig und insgesamt ausgewogen – wenn auch auf niedrigerem Level als das Spitzen-Duett – ergattert der Turanza All Season 6 einen respektablen vierten Platz. Den teilt er sich absolut punktgleich mit dem sehr ähnlich gestrickten Hankook. Knapp dahinter platziert sich der neue Nokian Tyres dem wir in Summe eine gute Bewertung aussprechen können, er lässt aber noch nicht die hohe Reife der Bestplatzierten erkennen.

Etwas enttäuscht hat uns der zwar noch mit “Gut” bewertete Conti, doch er konnte sich außer bei Geräusch und Komfort nirgends richtig in Szene setzen. Dabei liegt im Entwicklungszentrum in Hannover eine der weltbesten Expertisen, was die Kunst des Reifenbaus angeht. Next time, champ!

Nicht ganz up to date präsentiert sich der überarbeitete Kumho, der es versteht, ordentlich mitzuschwimmen und auch Akzente zu setzen (Aquaplaning quer) – sich aber den in Teilen übermächtigen Wettbewerbern dann doch geschlagen geben muss. Das Bessere, es bleibt des Guten Feind.

Kurzcharakteristika

Für die Kurzcharakteristika der getesteten Reifen klicken Sie bitte auf das +-Zeichen oder den Reifennamen

Man kann es nur vermuten: Dieser Japaner ist ein Fuchs! Seine nicht ganz so gelungenen Bewertungen kassiert der Bridgestone Turanza All Season 6 nur in den Disziplinen, die ohnehin weniger punkteträchtig sind: Rollwiderstand, Schneehandling, Innengeräusch, Komfort. Sonst aber verfolgt der Bridgestone die typische Strategie des Hauses: weniger Spitzenwerte, dafür konstant ausgewogene Leistungen. So ergattert man ohne Aufsehen einen starken vierten Platz. Zusammengefasst ein mehr als ordentlich mithaltender Ganzjahres-Athlet ohne Star-Allüren.

Es fällt nicht leicht – doch im direkten Vergleich konnte uns das All Season-Pferd namens All Season Contact 2 aus dem berühmten niedersächsischen Stall nicht vollends überzeugen. Messschriebe, sie sind gnadenlos. Handling nass und auf Schnee, aber auch das Trocken-Bremsen sind im Reigen der teils sehr starken Konkurrenz nicht mehr ganz up-to-date. Abrollkomfort und Innengeräusch wiederum haben uns mehr als verwöhnt. Die unterm Strich dennoch als „gut“ zu bezeichnende Gesamtvorstellung beschert dem Conti eine starke Platzierung im Mittelfeld. Wir meinen: Next time, champ!

Ganz frisch auf dem Markt und ohne Umwege aufs Podium: Der neue Goodyear Vector All Season 4 ist klar ein Siegertyp. Der Erwartungsdruck war hoch, schließlich gilt der Vorgänger bis heute als Referenz unter den All Seasons. Doch es sind die Fakten, die ihn nach oben spülen: Im Rahmen der Möglichkeiten eines Ganzjahresreifens wartet er mit mehr als gelungenen Wintertugenden auf. Doch auch bei sämtlichen Sommer-Disziplinen schneidet er jedes Kapitel mindestens mit gut, sehr viele gar mit sehr gut ab. Klare und ehrliche Empfehlung für Autofahrer, die einen sehr ausgewogenen Ganzjahres-Allrounder mit leichter Winter-Vorrangstellung suchen.

Punktgleich mit dem Bridgestone positioniert sich der Hankook Kinergy S42 ebenfalls auf Platz Nummer vier. Gewisse Schwächen beim Trocken-Bremsen und beim Schnee-Handling haben ihm spekulativ einen Podiumsplatz verhagelt. Und doch ist der Hankook ein erwägenswerter Ganzjahres-Kämpfer: starke Nassbremswerte, angenehme Handling-Performance in den Sommermonaten.

Koreaner Nummer zwei (neben Hankook) ist denkbar knapp in eine im Gesamtbild nur befriedigende Bewertung gerutscht. Das ist undankbar, aber auch hier nur ein Spiegelbild der Testergebnisse. Der Solus 4S HA32+ kann beim Nasshandling und auch beim Nassbremsen mehr als respektabel mithalten – und dieses doppelt gute Ergebnis lässt auf eine sehr gelungene Laufflächen-Gummimischung schließen. Auch vermag der Kumho bei den Schneedisziplinen Bremsen und Traktion absolut mitzuhalten. Doch speziell das Trockenbrems-Ergebnis zählt nicht zu den Stärken dieses Reifens. Dies kostet ihn entscheidende Punkte.

Der in der dritten Generation zu erstaunlicher Reife geratene Michelin Cross Climate 3 platziert sich frech auf dem dritten Rang unseres mehr als anspruchsvollen Tests. Mit seinem klaren Bekenntnis zu dominanten Winter-Eigenschaften richtet sich der Franzose betont an Winterreifen-verwöhnte Noch-Puristen, die umstiegswillig auf die gereifte AllSeason-Gesellschaft setzen. Auf Schnee bremst und beschleunigt keiner so gut wie der CC 3. Diese eindeutige Auslegung führt andererseits zu gewissen hinzunehmenden Abstrichen beim Trocken-Bremsen und -Handling. Unser klarer Winter-Favorit und eindeutig ein Charaktertyp.

Für jede finnische Schneeflocke ist es doch eine Ehre, von einem Nokian Tyre niedergewalzt zu werden, oder? Nun, das hat im finnischen Ivalo diesmal nicht ganz hingehauen. Bremsen und Handling auf dem weißen Medium waren nicht ganz sein Ding im Wettstreit mit den nicht-skandinavischen Mitstreitern. Andererseits wuchtet sich der Seasonproof 2 beim Nassbremsen und auch beim Längs-Aquaplaning ganz nach vorne. Für welchen Fahrertypus empfiehlt sich also dieser brandneue Finnen-Gummi? Nicht unbedingt für die Klientel, die einen Winter-konzentrierten Michelin CC 3 erwählen würde. Eher für jene Piloten, die einen Ganzjahresreifen suchen, der seine Stärken im Sommersektor sucht und auch findet.

Der erst letztes Jahr vorgestellte Pirelli Cinturato All Season SF3 ist der zweite Überflieger und – ganz nebenbei – auch Gewinner dieses Tests. Charakterlich Goodyear recht ähnlich, setzt er seine Schwerpunkte aber betonter im sommerlichen Spielfeld: Im Nass- und Trockenhandling brilliert der Pirelli leistungsgleich mit dem Goodyear, gibt sich gleichfalls betont sportlich und lässt immer wieder vergessen, dass er kein Sport-Sommerreifen, sondern ja „nur“ ein Ganzjahresgummi ist. Mit dem im Vergleich zudem kürzesten Trocken-Bremsweg kassiert der forsche Italiener jene entscheidenden Punkte, die ihm zur Testkrone verhelfen.

Der außer Wertung mitkämpfende Michelin Cross Climate 3 Sport hat den Auftrag, den ihm seine Entwickler mit auf den Weg gaben, mit Überzeugung erfüllt. Er erreicht zwar beim Trocken- und Nasshandling nicht ganz den bravourösen Super-Einstand der Konkurrenz aus den Häusern Pirelli und Goodyear. Doch unterhalb der GTI-möglichen Maximal-Gangart fällt das schon nicht mehr auf. Seine Namensgebung weist dem Kaufinteressenten seine Marschrichtung auf. Doch auch auf Schnee vermag er sehr ordentlich mitzuhalten, wenngleich nicht ganz auf dem Level seines Konzernbruders. Michelin hat die Zeichen der Zeit erkannt und benennt dies selbstbewusst auf der Reifenflanke.

Fazit

Die Reifenindustrie arbeitet seit Jahren an der eierlegenden Wollmilchsau für den Radkasten. Und man muss neidlos anerkennen: Sie ist verdammt nah dran. Die neueste Generation der Ganzjahresreifen – darunter sogar ein Kandidat, der sich selbstbewusst „Sport“ nennt – schmilzt die Grenzen der Jahreszeiten im normalen Fahrbetrieb förmlich ein. Lenkverhalten? Präzise. Nasshandling? Dynamisch. Wintereigenschaften? Für das Flachland und Voralpenregionen mehr als üppig. Ein 300-PS-Bolide als Drillmeister? Locker weggesteckt.
Man ertappt sich fast dabei, den klassischen Sommerreifen gedanklich in Rente zu schicken. Bis zu dem Moment, in dem die Physik die Rechnung präsentiert. Beim harten Bremstest auf trockenem und nassem Asphalt zeigt sich, warum das „fast“ in unserer Headline steht: Im Schnitt rund fünf oder etwas mehr Meter Bremsweg als ein reiner Sommerreifen sind eine Ansage, die im Ernstfall über Knautschzone oder Kratzer entscheidet.

Was lernen wir daraus? Selbst die besten derzeit erhältlichen Ganzjahresreifen tricksen die Physik nicht aus. Weniger zu Winter-, vor allem aber zu Sommerreifen bleibt der Abstand klar gewahrt. Das ist weniger ein Handicap als vielmehr der Aufruf zu besonnener Fahrweise. Selbst mit einem Golf GTI.

Text: Dirk Vincken, Joachim Fischer

Fotos: Dirk Vincken

Grafik: Joachim Fischer

Ganzjahresreifentest 2026 – Bremstest

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